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Kennen wir in der Schweiz eine Massentierhaltung?

Die Schweizer Landwirtschaft zeichnet sich durch ein sehr hohes Tierwohl aus. Dafür sorgt ein weltweit einzigartig strenges Tierschutzgesetz. Nirgendwo haben die Tiere so viel Platz.

Masse ist ein relativer Begriff und jeder Mensch versteht darunter etwas anderes. Während der eine in Zürich viel zu viele Menschen antrifft, würde ein Chinese aus Shanghai wohl von der ländlichen Idylle an der Bahnhofstrasse und im Niederdorf schwärmen. Genauso verhält es sich mit der Tierhaltung. Während im Ausland Legehennen- oder Geflügelmastbetriebe mit mehreren 100’000 Tieren oder Mastschweinebetriebe mit weit über 10’000 Plätzen eine Selbstverständlichkeit sind, sprechen andere von Massentierhaltung, wenn zum Beispiel ein Geflügelhalter mehr als 2’000 Legehennen in seiner Herde hält.

Die Schweizer Landwirtschaft zeichnet sich durch ein sehr hohes Tierwohl aus. Dafür sorgt ein weltweit einzigartig strenges Tierschutzgesetz. Nirgendwo haben die Tiere so viel Platz. Zudem werden die Anforderungen an die Haltung laufend erhöht. Vor Jahren zeigte ich einmal einem befreundeten Farmer aus den Vereinigten Staaten einen spezialisierten Schweinezuchtbetrieb in der Schweiz. Er war sehr beeindruckt von der tierfreundlichen Haltung und auch von dem damit verbundenen Aufwand. In der Folge fragte er mich im Spass: «Und wann schickt der Bauer die Tiere in die Ferien?»

Als einziges Land kennen wir für unsere landwirtschaftlichen Tiere Höchstbestandesgrenzen. Dies ist sinnvoll und soll unter anderem sichern, dass das gute Image der Schweizer Tierhaltung bestehen bleibt. Dass nun nach dem Willen der Initianten der Massentierhaltungsinitiative diese Grenze stark nach unten versetzt werden soll, hat nichts mit einer Verbesserung des Tierwohls zu tun. Im Gegenteil, in der Regel sind es oft die modernen, spezialisierten Betriebe, auf denen den Tieren der höchste Komfort geboten wird. Dass diese auch mehr Tiere halten, als es sich die Initianten wünschen, ist ebenso eine Frage der Wirtschaftlichkeit – nicht nur der Landwirte selber, sondern vielfach auch der Vermarkter. Mit Annahme der Initiative würden diese Betriebe alle verschwinden. Ob der Bedarf an einheimischen tierischen Lebensmittel durch den Bau von zahlreichen neuen kleineren Ställen kompensiert werden könnte, ist mehr als fragwürdig. Insbesondere wenn man die heute strengen Auflagen für Neubauten kennt! Selbst wenn dies geschehen würde, so würden die Lebensmittelpreise steigen, weil auf diesen kleinen Betrieben nicht mehr zu gleichen Kosten produziert werden könnte. Die Gefahr wäre aber gross, dass der Eigenversorgungsgrad an tierischen Produkten markant abnehmen würde. Eine Verlagerung der Produktion ins Ausland wäre die logische Konsequenz davon. Wir würden damit die Kontrolle über eine eigene tiergerechte und nachhaltige einheimische Tierhaltung abgeben. Wollen wir das wirklich oder ist es nicht der Wunsch des Schweizer Bürgers zu wissen, woher sein Ei oder sein Steak stammt und wie es produziert wurde?

Zwar sieht die Initiative vor, dass für Importe von tierischen Produkten ebenfalls die gleichen Regeln gelten sollen. Es ist aber mehr als fragwürdig, ob dies überhaupt kontrolliert werden könnte. So kann ich mir nicht vorstellen, dass wir nur noch Käse importieren würden, dessen Milch von Kühen stammt, die gemäss den Richtlinien von RAUS gehalten werden. Dass dies aufgrund der WTO-Bestimmungen nie durchgesetzt werden könnte, zeigt auch die Tatsache, dass über 40 Jahre nach dem Käfighaltungsverbot für Legehennen in der Schweiz immer noch Eier aus Batteriehaltung eingeführt werden dürfen und dass wir auch heute regelmässig ausländisches Hormonfleisch essen.

Unsere Landwirte haben es immer verstanden, für den Markt zu produzieren, und sich entsprechend angepasst. Sie wollen nicht noch mehr und neue staatliche Vorschriften, um in der Folge schmerzhaft feststellen zu müssen, dass diese keine Resonanz bei der Konsumentin und beim Konsumenten finden. So ist zum Beispiel das Angebot an Label-Fleisch schon heute viel höher als die Nachfrage. Es kann doch nicht sein, dass immer wieder selbsternannte Fachleute auf Ideen kommen, anderen etwas aufzuzwingen, was weder durchdacht noch nachhaltig ist! Wann lernen wir endlich, dass der Markt das Angebot und die Nachfrage nach Lebensmitteln steuern muss?

Autor: Peter Stadelmann

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